Interview mit Box-Trainer Fiete von Thien und Boxerin Anne Cravaack

 

Boxen und Mecklenburg. Das ist seit Jahrzehnten eine erfolgreiche Wechselbeziehung.

Dreimal standen Boxsportler aus unserem Bundesland schon ganz oben auf dem Olympia-Podest: 1976 Jochen Bachfeld, 1988 Andreas Zülow und 1992 Andreas Tews.

Großen Anteil an der boxsportlichen Entwicklung in M-V nach dem 2.Weltkrieg hat auch Wismars Box-Urgestein Fiete von Thien, selbst früher selbst Boxer, dann Trainer, Pressewart, Organisator und eben Box-Fan mit Herz und Verstand !

Im letzten Jahr wurde der PSV Wismar, Abteilung Boxen, Stützpunkt-Verein im Programm „Integration durch Sport“.

Schwerin-News unterhielt sich mit Fiete von Thien und der deutschen Box-Meisterin Anne Cravaack aus Wismar über die Bedeutung des Boxsportes für integrative Maßnahmen, die Olympia-Chancen von Martin Dreßen (Schwerin) und die boxsportliche Zukunft in M-V.

„Der Boxsport überwindet Gräben !“

 Frage: Der Polizeisportvereines Wismar, und insbesondere dessen Abteilung Boxen, ist seit 2007 anerkannter Stützpunktverein des Landes im Programm „Integration durch Sport“.  

Was beinhaltet dieses Programm ?

Fiete von ThienFiete von Thien: Das Programm „Integration durch Sport“ setzt sich für die gesamtgesellschaftliche Integration von Spätaussiedlern, Zuwanderern und Einheimischen  durch Bewegung, Spiel und Sport ein.

Es wird vom Bundesministerium des Innern als  Zentralmaßnahme aus dafür vorgesehenen Projektmitteln finanziert und vom Deutschen Sportbund und seinen Mitgliedsorganisationen, den 16 Landessportbünden und  Landessportverbänden, also auch in M-V, durchgeführt.

In der Abteilung Boxen des PSV Wismar trainieren zur Zeit vierzehn Boxsportlerinnen und Boxsportler, die aus Russland, Tschetschenien, Aserbaidshan, Irak, Weißrussland, der Ukraine und Armenien stammen und die über den Boxsport soziale und gesellschaftliche Kontakte knüpfen wollen.

Die Altersspanne reicht von 7 Jahren bis 25 Jahren.

Gerade in Zeiten zunehmender Fremdenfeindlichkeit sehen wir uns, die Abteilung Boxen des  PSV, in der Pflicht, mittels des Boxsportes beim Abbau von Vorurteilen und Aufbau neuer  Freundschaften zwischen Neu-Wismarern und Alt-Wismarern zu helfen.

2.Bundesliga Wismar-SeelzeDer Sport und insbesondere der Boxsport ist dazu gerade prädestiniert. Schon vor der Wende, 1983, hatten wir hier in Wismar einen Box-Länderkampf zwischen den USA und der DDR und es gab – trotz der damaligen ideologischen Unterschiede – herzliche Kontakte zwischen beiden Seiten.

Virgil Hill, der damals auf amerikanischer Seite boxte, konnte sich auf der  Presse-Konferenz anläßlich des Kampfes gegen Henry Maske im September 2006 sehr positiv an die Atmosphäre in Wismar erinnern.

(Box-)Sport baut Brücken, überwindet ideologische Gräben und schafft neues Miteinander, in kaum einem anderen Bereich des Lebens ist das so angenehm und erfolgreich möglich.

Eine sehr positive Entwicklung im und außerhalb des Ringes nahmen, zum Beispiel, Murat Akgüc aus Kurdistan (14 Jahre), der aus seiner Heimat wegen des Bürgerkrieges vor sieben Jahren flüchten mußte, und Viktor Gasselbach, ein Spätaussiedler aus Russland (15 Jahre).
 
Beide, wie die anderen Boxsportler bei uns in Wismar auch, konnten durch unsere sportliche und soziale Heimat im Verein ein wirkliches Zuhause und echte Geborgenheit finden !

Deshalb sind wir auch anerkannter Stützpunktverein im Programm „Integration durch Sport“ !  

Frage: Herr von Thien, Sie gelten ja als Wegbereiter des Boxsportes in der Hansestadt seit 1960.

Unter ihrer Ägide fanden in Wismar zahlreiche boxsportliche Veranstaltungen statt, viele Erfolge konnten Wismarer Boxsportler und mittlerweile auch Boxsportlerinnen erkämpfen.

Doch die Ursprünge des modernen Boxsportes in Wismar reichen ja bis in die 1920er Jahre zurück. Boxen und Wismar, das ist auch Boxsport und Fiete von Thien.

Wann kamen Sie nach Wismar, und wie verlief die Entwicklung seither ?

Fiete von Thien: Ich war in den 1950er Jahren aktiver Boxsportler beim ASK Vorwärts Neubrandenburg und übernahm 1961 die Trainingsleitung in Wismar.
 
Vor mehr als 40 Jahren – 1967 – wurde in Wismar das Trainings- und Leistungszentrum mit dem Schwerpunkt auf die Altersklassen 11 bis 13 gegründet, wofür ich mich maßgeblich  einsetzte.
 
Wie Sie erwähnten, hat der Boxsport in Wismar eine lange Tradition. So trug der  Polizeisportverein Wismar-Schwerin bereits im Jahre 1923 zahlreiche Vergleichskämpfe aus.

Nach Ende des Krieges 1945 wurde der Boxsport in den Sparten Wismar-Süd und Wismar-Ost, später ZSG Anker Wismar, faktisch „wiederbelebt“. Bei Anker und bei der BSG Motor Wismar hatte der Boxsport danach eine erfolgreiche Heimstätte.

Ab Ende 1955 übernahm die BSG Aufbau Wismar die Abteilung Boxen und nach zentralem Beschluß im September 1956 bildete die SG Dynamo Wismar eine Sektion Boxen.

Bereits in der Saison 1958/59 nahm eine Wismarer Boxstaffel am DDR-Ligabetrieb teil. Das waren die wichtigsten Meilensteine der boxsportlichen Entwicklung Wismars vor meiner Zeit.

Bis 1990 war ich dann hauptamtlich als Trainer in Wismar tätig. Schöne Augenblicke und  Momente gab es.

Einerseits denke ich an den Aufstieg eines der erfolgreichsten DDR- Boxer, Bernd Wittenburg, in Wismar, der zweimal Vize-Europameister, WM-Dritter und  Olympia-Teilnehmer war, an Junioren- bzw. Senioren-Länderkämpfe z.B. gegen Ungarn,  Rumänien oder die USA oder an die Austragung von DDR-Meisterschaften.

Erfreulich war, dass es nach der Wende 1989/90 einen nahtlosen Übergang des Boxsportes im Polizeisportverein Wismar gab.
 
Seitdem konnten Wismarer Boxsportler und Boxsportlerinnen zahlreiche Medaillen bei den  Junioren/Juniorinnen, im Jugend- und Kadettenbereich sowie im Elite-Kader erkämpfen: 23 x Gold / 15 x Silber / 20 x Bronze lautet die imposante Bilanz.

Anne CravaackDer inzwischen  zu den Profis gewechselte Marcel Meyerdiercks, Alice Altmann oder Anne Cravaack stehen für den hohen Stellenwert des Wismarer Boxsportes in der heutigen Zeit.
 
Ich blicke nicht ohne Stolz auf die geleistete Arbeit im Bereich des Boxsportes der  Hansestadt zurück und bin davon überzeugt, dass der Boxsport in Wismar eine gute Heimat besitzt.

Frage: Das Box-Team Hanse Wismar hat 2007/08 eine bislang wechselvolle Saison gekämpft.
  
Im Heimkampf gegen die BSK Seelze gab es am 15.März ein 12:12-Remis. Wie beurteilen Sie die bisherigen Saison-Leistungen ?

Fiete von Thien: Unsere Staffel fehlt die Homogenität in der Besetzung der einzelnen Gewichtsklassen. Wir sind in dieser Saison leider nicht so ausgeglichen besetzt, wie wir es gern hätten.

Durch berufliche Verpflichtungen konnten leider nicht alle vorgesehenen leistungsstarken Boxsportler in den Bundesliga-Kämpfen mitwirken. Bisweilen gibt es kurzfristige Absagen wegen anderer Verpflichtungen, da sind dann Flexibilität und Improvisations-Talent angesagt.
 
2.Bundesliga Wismar-SeelzeJa, Boxen ist schon eine ungemein zeitaufwendige Sportart mit viel organisatorischem Aufwand. Der Ring-Aufbau, die Bestuhlung und die Gestaltung um den Boxring insbesondere bei Bundesliga-Kämpfen- das alles fordert viel Arbeit !

Frage: Marcel Meyerdiercks, ein Leistungsträger der Staffel, wechselte 2007 zu den Profis. Wie ist Ihre Meinung zu Marcels Zukunft im Profi-Boxsport ?

Fiete von Thien: Marcel wird seinen boxsportlichen Weg sicherlich weiter erfolgreich bestreiten.

Seiner Generation steht die (Box-)Welt offen ! Er hat in sehr souveräner Manie seine bisherigen sechs Profi-Kämpfe geboxt, darauf läßt sich aufbauen.

Sicherlich muß Marcel noch an seiner Härte arbeiten, aber im technisch-taktischen Bereich hat er ausgezeichnete Qualitäten. Marcel ist ein Profi-Boxr mit Zukunft !

Frage: Noch sind es knapp fünf Monate bis zum Beginn der olympischen Boxwettkämpfe. Bei den WM in Chicago 2007 gingen die deutschen Faustkämpfer komplett leer aus.

Wie schätzen Sie das internationale und nationale Leistungsvermögen im Boxsport im Hinblick auf Peking 2008 ein ?

Fiete von Thien: Die WM-Bilanz ist natürlich alles andere als befriedigend.
Deutschland muß aufpassen, im Amateur-Bereich nicht den Anschluß an die Weltspitze zu verpassen.

Sehr stark präsentierten sich in einigen Gewichtsklassen die Russen (Erfolgreichste WM-Staffel !), Kasachen, Usbeken, Amerikaner, Engländer, Italiener oder sogar die chinesischen Olympia-Gastgeber.

Mal sehen, wie stark die kubanische Staffel in Peking sein wird, die bei den WM 2007 leider fehlte. In Peking erkämpften 19 Länder WM-Medaillen; Deutschland war nicht darunter. Das muß zu denken geben !

Martin DreßenIm Hinblick auf Peking: Aus Mecklenburger Sicht hoffe ich, dass Martin Dreßen aus Schwerin die Qualifikation für Peking noch schafft – seit 1992 war ja kein Boxer aus Mecklenburg mehr bei Olympia …

Das sollte sich endlich ändern. Ansonsten möchte ich auch auf die gute boxsportliche Arbeit beim BSC Schwerin hinweisen, dessen Staffel eine gute Oberliga-Saison kämpfen.

Wenn ich zudem an die guten Leistungen dr Box-Abteilung beim PSV Wismar denke, bin ich für die weitere Entwicklung und Zukunft dieser Sportart hierzulande durchaus optimistisch.

Erfolgreich beim Boxsport und in der Ausbildung:

Anne Cravaack aus Wismar, deutsche Meisterin 2007 im Boxsport

Anne CravaackFrage: Na, Anne, wie läuft es bei Dir so in Sachen Boxsport ?

Anne: Gerade hatten wir ja die Sportlerehrung für das Jahr 2007 im Zeughaus Wismar, und ich wurde für meinen Meistertitel im letzten Jahr noch einmal geehrt.

Ich freue mich, dass es mit der Meisterschaft im letzten Jahr doch noch klappte !

Frage: Und, wie sieht es beruflich bei Dir aus ? Du absolvierst ja gegenwärtig eine gastronomische Ausbildung bei den Fietz-Restaurantbetrieben, vorwiegend bei McDonald`s in Wismar …

Anne: Anfang Mai habe ich meine zweitägigen Prüfungen – ein echter Härtetest, bestimmt noch härter als ein Box-Kampf 🙂

Frage: Aber im Boxring bist Du doch auch noch ?!

Anne CravaackAnne: Ja, ich trainiere, wenn es die Zeit erlaubt. Aber zur Zeit geht der Erfolg meiner Ausbildung vor. Ich möchte mit einem respektablen Abschluß gern im Management arbeiten.

Frage: In wenigen Wochen beginnen die Olympischen Spiele in Peking und damit ebenfalls die olympischen Boxwettkämpfe. Wirtst Du das olympische Boxen verfolgen ?

Anne: Ja, einige Kämpfe werde ich mir schon anschauen. Sehr angetan bin ich von den „Schwergewichten“ – hier gibt es noch richtige Spannung und Überraschungen … Ein guter Schlag und alles ist vorbei !

Vielleicht schafft es Martin Dreßen aus Schwerin ja noch nach Peking. Ihm drücke ich die Daumen.

Marko Michels

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Infos zum Kampf-Abend am 15.März 2008
zwischen BT Hanse Wismar und BSK Seelze 12:12
2.Bundesliga – Boxen – Sporthalle Wismar

Wismarer Runden-Girl1.Kampf (-54 kg): Machmut (Seelze) vs. Knoll (Wismar) 27:41 n.P. (Der 16jährige Markus Knoll aus Neubrandenburg wurde kurzfristig nominiert und gewann überzeugend !)/ 2.Kampf (-57 kg): Kaplan (Wismar) vs. Suher (Seelze)  19:13 nP. / 3.Kampf (-60 kg): Paschko (Seelze) vs. Barsegian (Wismar)  25:29 n.P. / 4.Kampf (-64 kg): Dschullajan (Seelze) vs. Kuhn (Wismar)  23:31 n.P. / 5.Kampf (-69 kg): Raynisch (Seelze) vs. Döhl (Wismar) 26:12 n.P.  / 6.Kampf (-75 kg): Deines (Seelze) vs. Mullenberger (Wismar) 13:16 n.P.  / 7.Kampf (-81 kg): Schellenberg (Seelze) vs. Alief (Wismar) 23:13 nP. / 8.Kampf (+81 kg): Mirkovic (Seelze) vs. Wilcken (Wismar) Sieg RSC 1.Rd. Markovic

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Kampfauftakt am 15.März 2008 in Wismar

Landesmeisterschaft M-V / Gewichtsklasse (bis 48 kg) / Finale
Josef Kliefoth (BSC Schwerin) gewinnt gegen Phillipp Grabow (Stralsund) nach Punkten !

Landesmeisterschaften der Kadetten und Junioren am 15.März 2008 in Wismar

Viktor Gasselbach, Hannes Garbe, Bejamin Brinkmann, Carl-Gustav Schwartz, Adil Achwerdijew (alle PSV Wismar) und Florian Schmelzig erkämpften bei den Landesmeisterschaften M-V Titel für Nordwestmecklenburg !

Marko Michels

Fotos: M.M.