Ein Einwurf ohne Spikes und Spritzen

BerlinDie Leichtathletik-Weltmeisterschaften sind „in Gange“. Man könnte, man solle, man dürfte es sich wieder einmal so richtig auf dem harten Stadion-Sitz oder im flauschigen TV-Sessel bequem machen, den Geist ausschalten und Augen dafür ein, um einmal „uneingeschränkt“ die Matadorinnen sowie Matadoren der Tartanbahnen, der Wurfringe und Sprunganlagen mit ihren seltsamen Rekorden zu bewundern.

Geht wieder nicht ! Rechtzeitig zum verordneten Leichtathletik-Feste im Bundeshauptdorf. Da ist nach Universiaden, World Games, WM und EM in mehr oder minder wichtigen Sportarten , wieder einmal ein richtiger sportiver Event-Knaller live und in Farbe in Deutschland zu sehen und was passiert ?! Ein Hamburger Nachrichtenmagazin wird zur Spass-Bremse.

Eines der Sport-Themen in der aktuellen Ausgabe Nr.34/2009 lautet „Wie das dunkle Erbe der DDR den deutschen Sport bis heute verfolgt“. Wieder einmal wird auf das staatlich verordnete Dopingsystem der DDR eingegangen, Akteure – Trainer, Sportler, Mediziner, Politiker, Funktionäre – in den Fokus gestellt, auf schlimme Einzelschicksale eingegangen.

Ja, wer geglaubt hat  in der DDR gab es nur ein „Schuß Unrecht“, hat wohl die vielen „Schüsse“ mit der Dopingspritze vergessen, die es in der DDR vielfältig gab, um dem Klassenfeind zumindest auf dem Felde des Sportes empfindliche Niederlagen zu bereiten. Wenn schon auf wirtschaftlichem Gebiet das „Überholen ohne Einzuholen“ nicht klappte, dann wenigstens im Schwimmbecken, im Laufschritt und im Boot.

Gesundheiten wurden ruiniert, Leben zerstört und die sportliche Moral, die sportliche Fairness mit Füßen getreten. Das alles liegt auf dem Tisch.

Gut, dass die DDR untergegangen ist, der Staat, der so viel wollte, aber nicht konnte, weil Willen und Dopingspritzen eben doch nicht ausreichen.

Tja, so weit, so gut.

Das ist Teil eins der Dopingaufarbeitung.

Doch, wo – bitte schön – bleibt „Nummero zwei“.

Gab es im „wilden Westen“ nicht auch Kräne aus Tennessee, einen Big Ben, glorreiche Franzen-Tour-Sieger, schnelle Schwimmer und Schwimmerinnen mit tiefen Stimmen und Möbelpacker-Kreuzen, muskelbepackte Gewichtheber und Sprinter, ungemein erfolgreiche „Bootsfahrer“. Ach so. Das war ja nicht staatlich verordnet. Nicht offiziell. Von Politikern westlich des „Eisernen Vorhanges“ nur geduldet, nicht befohlen.

Von Politikern, die nichts wissen wollten, es doch ahnten, letztlich stillschweigend hinnahmen. Wie die „drei Affen“ sahen sie kein Doping, hörten sie nichts von Doping und sprachen – offiziell- auch nicht von Doping. Man zeigte höchstens mit den Fingern auf andere. Das lenkte ja ab, insbesondere von eigenen Versäumnissen.

Tja, wer „nach den Regeln von Karl Marx“ (Der dafür nun wahrlich nichts konnte !) dopte, ist also ein Schuft. Wer „nach den Regeln des Marktes“ dopt, ist höchstens ein „verirrtes (schwarzes) Schaf“, dem man vergeben muß.

Natürlich sind Westdeutsche, Amerikaner, Kanadier, Australier, Japaner, Südkoreaner, Briten, Franzosen oder Italiener nur dank leckerer Schoko-Riegel, Beefsteaks, immer vorhandener Bananen, Apfelsinen oder Kokosnüsse und Bio-Eiern so stark gewesen. So stark, dass sie mitunter sogar schneller, kräftiger und goldmedaillenträchtiger waren, als mancher dopingverseuchte „Zoni“.

Wer das denkt, isst anscheinend wirklich „Bio-Eier“ und stand wohl zu lange unter einer Kokosnuss-Palme …

… So lange nicht mit gleichen Doping-Maßstäben gemessen wird, so lange nicht jeder „sportive Stein“ in den USA, in Kanada, in Japan, in Australien, in Frankreich, in Italien, in Südkorea, zwischen Hamburg und Oberstdorf nach ähnlichen Dokumenten zu Dopingvergehen dort umgedreht wurde, so wie es in der – Gott sei Dank – untergegangenen DDR der Fall gewesen ist, stellt die gegenwärtige DDR-Dopingdiskussion nur eines dar: die pharisäerhafte Auseinandersetzung mit der Dopingproblematik.
Gedopt wurde – und wahrlich nicht nur in Einzelfällen – auch in der westlichen Hemisphäre – zahlreich, ungebremst, bauernschlau.

Natürlich könnte man nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus auch das Zusammenkrachen des real existierenden Demokratismus abwarten, um der Doping-Dokumente des früheren Westblocks habhaft zu werden.

Aber glücklicherweise gibt es noch genügend Demokraten, für welche die ganze Wahrheit wichtig ist. Denn nie vergessen: „Jede Wahrheit ist irgendjemandem lästig. Das ist noch keine Gefahr für das Überleben der Wahrheit, denn ihren Gegnern stehen meistens auch Freunde gegenüber, die ein Interesse daran haben, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt und dort sichtbar verbleibt.“

Allerdings: Wenn die Freunde der Wahrheit gegen eine Übermacht von Geschichtsklitterern ankämpfen müssen, wird es schwierig …

Aber noch besteht Hoffnung, die Dopingvergangenheit nicht nur „Made in GDR,“ sondern auch „Made in Western-Germany“ aufzurollen. Wie übrigens auch die der anderen Länder westlich und östlich des einstigen „Vorhanges“ !

Dann wird die Sportgeschichte vielleicht sogar umgeschrieben … Botswana vor Amerika.

M.Michels