Zwischen deutscher Einheit und Fall der Berliner Mauer

FdMZwei Jahrestage stehen im Oktober und im November im Fokus des deutschen Interesses:
Einerseits der formal politische Vollzug der deutschen Einheit am 3.Oktober, andererseits der Fall der Berliner Mauer am 9.November.

Wieder wird sich mehr oder minder heftig darüber gestritten, wer nun den größeren Anteil an den beiden Ereignissen hat. Die CDU mit dem „Kanzler der Einheit“ Helmut Kohl, die SPD mit Willy Brandt, mit dem Architekten der Ostpolitik, die auf das friedliche Überwinden von Mauer und Stacheldraht zielte, oder die F.D.P. mit dem damaligen Außenminister sowie Vize-Kanzler Hans-Dietrich Genscher, der die genannte Ostpolitik unter den Kanzlern Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl engagiert fortführte und zu einem erfolgreichen Ergebnis brachte !?

Einige Parteisoldaten der verschiedenen politischen Farben werden diese Diskussion wieder mit althergebrachtem Kleinmut führen, dem politischen Gegner in der Wahlkampfzeit und im Zeitraum der Bildung einer Regierung nach dem 27.September keinen Anteil an der deutschen Vereinigung lassen.

Die Akteure der Bundesrepublik in der Wende-Zeit werden in den Mittelpunkt gestellt, dazu noch Georg Bush, als damaliger US-Präsident und natürlich Michail Gorbatschow, der mit seiner Politik von „Glasnost und Perestroika“ die friedlichen Revolutionen gegen die stalinistischen bzw. pro-stalinistischen Regime in aller Welt, insbesondere im Mittel- und Osteuropa, erst ermöglichte.

Vergessen werden dabei die Menschen zwischen Ostseeküste und Sächsischer Schweiz, die mehrheitlich das DDR-Regime ablehnten, die zu den Ersten gehörten, die sich gegen die stalinistischen Machthaber erhoben.

Erinnert  sei an die Tausenden sozialen, konservativen und liberalen Demokraten, die – weil sie sich für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsetzten – von den neuen kommunistischen Machthabern und den Vertretern der russischen Militäradministration bereits 1945 wieder in die Gefängnisse gesperrt wurden, in denen sie schon während der nationalsozialistischen Diktatur waren.

Viele Sozialdemokraten wurden verfolgt und sogar ermordet, weil sie sich einer Vereinigung mit der KPD widersetzten. … Die jedoch den Kampf gegen die „Diktatur des Proletariates“ mit Hilfe des SPD-Ostbüros, der gesamtdeutschen sozialdemokratischen Widerstandsbewegung gegen das DDR-Regime, fortsetzten. Der „Sozialdemokratismus“ war in den Augen führender SED-Vertreter der Hauptfeind, die „soziale Speerspitze des Imperialismus“.
Wie meinte Hermann Lüdemann, der SPD-Landesgeschäftsführer 1945 und Gegner von Nazis wie Kommunisten gleichermaßen, 1946: „ … Ich verkaufe mich nicht ! Ich lebe lieber in einem demokratisch-kapitalistischen Staat, als ein Sklave in Russland ! In Russland ist keine Demokratie ! Zu einer Demokratie gehört, dass es mehrere Parteien gibt. Dieses System wird in Russland nur durch die GPU (geheime Staatspolizei) aufrecht erhalten … Alle sind dagegen, aber keiner traut sich, etwas zu sagen ! Dort sind alle Menschen genau so `für` das System, wie hier `für` die Einheitspartei. Die Kommunisten hier sind nur der Ausdruck des Willens der Russen und stützen sich auf ihre Bajonette ! Das Volk wird terrorisiert; es wagt gar nicht, die meisten Mißstände zur Anzeige zu bringen  …“

Auch die Opfer der gewaltsamen Gleichschaltung von CDU und LDP mahnen daran, dass die Aufarbeitung  nicht „schwarz.weiß“ erfolgen kann. Die Vertreter von CDU und LDP heute samt und sonders als „Blockflöten“ der SED zu titulieren, wird der Widerstandsgeschichte der beiden Parteien nicht gerecht, zumal das CDU-Ostbüro und das F.D.P.-Ostbüro ebenfalls den Widerstand gegen das DDR-Regime koordinierten.

Vergessen werden dürfen in diesem Zusammenhang auch nicht die Reformkräfte in der KPD und der SED, die eine stalinistische Diktatur ablehnten und ebenfalls verfolgt und inhaftiert wurden.

Der 17.Juni 1953 ist Ausdruck dafür, dass sich die Menschen in der DDR mit der stalinistischen Diktatur bereits in der Frühzeit nicht abfanden.
Die Staatssicherheit und ihre kriminellen Machenschaften sind zudem ein Beweis, dass die führende Staatspartei SED dem eigenen Volk misstraute und es notfalls gewaltsam zur Räson bringen wollte bzw. brachte, ohne dabei Widerstand und Aufbegehren jemals vollständig brechen zu können.

Dazu damals passend Bert Brecht: „Die Lösung: Nach dem Aufstand des 17. Juni ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes in der Stalinallee Flugblätter verteilen, auf denen zu lesen war, dass das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe und es nur durch verdoppelte Arbeit zurückerobern könne. Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Gegenwärtig werden Solidarnosc in Polen, Charta 77 in der CSSR, die Gulasch-Kommunisten in Ungarn als Wegbereiter der deutschen Einheit dargestellt.
Die Vertreter der Bürgerbewegungen NEUES FORUM, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte geraten so medial und historisch ins „Abseits“, obwohl sie die Hauptrolle bei der Beseitigung des SED-Regimes 1989/90 spielten.

Heute werden die Menschen in der DDR als mehrheitlich opportunistisch bezeichnet, ein Umstand, der in Bezug auf Polen oder auf die CSSR nur selten gebraucht wird.

Mal abgesehen davon, dass dieses „Urteil“ nicht den Tatsachen entspricht – ansonsten hätte es nicht das Heer der Stasi-Spitzel gegeben – ist es auch ein „typisch westdeutsches“.

Allerdings: Wo blieb das Heer der Westdeutschen, um gegen die Unterdrückung der Landsleute zu demonstrieren, diejenigen die sich vor 1989 lieber an Mauer und Stacheldraht anketteten, um so auf den menschenverachtenden Charakter des DDR-Regimes aufmerksam zu machen ?

Man reiste lieber nach Spanien, Italien oder genoss französischen Wein … Keine Anklage, aber ein Hinweis, dass man im früheren West-Germanien am besten „vom hohen moralischen Ross“ absteigen sollte.

„Die Mauer steht gegen den Strom der Geschichte !“ und „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört !“ – treffende Zitate Willy Brandts, 1961 bzw. 1989 geäußert – fanden ihre eindrucksvolle Bestätigung 1990, mit der deutschen Vereinigung.

Leider stand Willy Brandt mit beiden Positionen – gerade in den 1980er Jahren – in seiner Partei sehr allein. Die christlich-liberale Koalition unter Helmut Kohl/Hans-Dietrich Genscher war es letztendlich vorbehalten, die deutsche Einheit zu vollenden – mit großartigem diplomatischen Geschick und tatkräftigen außenpolitischen Engagement. Willy Brandt, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher verdienen daher parteiübergreifend allergrößten Respekt – ohne sie wäre die deutsche Einheit 1990 nicht Realität geworden.

Aber bleiben wird auch der Widerstand, das Aufbegehren der Menschen zwischen Mecklenburg und Sachsen gegen das stalinistische Regime seit 1945 ff. !

Es leibt daher nur zu hoffen, dass beide Jahrestage nicht in die parteipolitischen Mühlen geraten.

M.Michels

F.: Fall der Berliner Mauer (Haus der deutschen Geschichte).