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''.notorisch arm und unvermögend.'' - Dorfhirten in Mecklenburg

Geschrieben am 10.04.02 um 14:02


Gegen Ende April begann in Mecklenburg die Weidesaison. Dann kündigte der Hirte kurz nach Sonnenaufgang mit "Tröte oder Flöte" allen Tierhaltern den Austrieb der gemeinsamen Herde an.

Meist für ein Jahr von der Gemeinde angestellt, beaufsichtigte er bis Ende Oktober die Tiere täglich bei der Weide. Weil die siedlungsnahen Schläge der Dorfgemarkung für den Ackerbau reserviert waren, trieb man Schweine, Rinder und Pferde zum Weiden auf Wiesen und in Wälder. Nahrung fanden sie dort in Blättern, jungen Trieben, Gräsern, Samen, Wildobst, Pilzen, Wurzeln und Insekten.
Schafherden waren dagegen begehrte Dunglieferanten für brach liegende Äcker. Eingepfercht mit Holzhürden verbrachten die Tiere deshalb häufig auch Nächte auf der Weide. Die Schafhirten rollten sich dann in Säcke ein und suchten sich einen geschützten Platz an einer Feldhecke. Manche konnten im Schäferkarren übernachten, einer Art überdachten, länglichen Handwagen. Wache hielt dann der Hund, den sich jeder Hirte zum Helfer dressiert hatte.
Als "Dörpheir" bekam man zwar einen bedeutenden Teil des bäuerlichen Vermögens anvertraut, dieser Verantwortung entsprachen Lohn und Ansehen im Dorf aber keineswegs. Höhe und Art der Entlohnung lag im Ermessen der Gemeinde. Gesetzlich vorgeschrieben war lediglich eine Menge an Naturalien, "daß er zu leben habe". In einem Steuerbescheid des 18. Jahrhunderts wurden Hirten gar als "notorisch arm und unvermögend bezeichnet".
Wenn Tiere erkrankten oder sich verletzten, mußten die Hirten schnell und sicher behandeln können. Bei nachgewiesener Fahrlässigkeit hafteten sie für den Schaden. Wissen über Krankheitssymptome, Anatomie und Naturheilmittel gaben sie von Generation zu Generation weiter. Aufgrund von Behandlungserfolgen bei Tieren, wurden Hirten auch von ihren Mitmenschen um medizinischen Rat gefragt. Vorrangig sollten sie Verrenkungen, Brüche oder Ausschläge heilen.
Zu jeder Behandlung gehörten einige magische Zutaten, wie das "Püstern". Für die meisten Menschen war das der wirksamste Teil der Behandlung. Man glaubte, daß die Hirten auf den abgelegenen Weiden Bündnisse mit überirdischen Wesen eingingen. Nur so konnten sie in der Lage sein, eine Tierherde nach ihrem Willen zu lenken.
Ihre geheimnisvollen Kräfte wurden den Hirten aber auch häufig zum Verhängnis. Unfälle, Krankheiten oder wirtschaftliche Schwierigkeiten deutete man schnell als angehexte Übel. Und wer Schaden durch Magie abwenden konnte, mußte ihn doch ebenso verursachen können. Auf einen Verdacht folgte schnell die Beschuldigung. Wer für rechtlichen Beistand kein Geld hatte, hatte der Anklage in einem Prozess nicht viel entgegenzusetzen. Unter Folter abgepreßte Geständnisse bedeuteten für viele unschuldige Opfer das Todesurteil.

Noch vieles mehr über "Ossen-, Kauh-, Pierd-, Swin-, Gausheir un Scheper" und ihre Zeitgenossen kann man im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß erfahren. Dort wird am Sonnabend, dem 27. April 2002, um 15.00 Uhr die Museumssaison eröffnet. Malerin Lilian Bremer stellt ihre "Impressionen von Mecklenburg II" aus. Obendrein gibt es die neugestalteten Dauerausstellungen im Hirtenkaten und der Dorfschmiede zu sehen.
Sie sind herzlich eingeladen!
Mecklenburgisches Volkskundemuseum - Freilichtmuseum Schwerin-Mueß
Alte Crivitzer Landstraße 13
Telefon: 0385/2084114
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 - 18.00 Uhr


 
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