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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Teil II

Geschrieben am 27.05.02 um 15:03


Sonderausstellung im Kunstkaten des Mueßer Freilichtmuseums Schwerin vom 09. Juni bis zum 15. August 2002

Die Geschichte dieser Ausstellung beginnt mit einer Entdeckung. Initiator und Urheber ist Udo Baarck. Er stammt aus Glaisin, einem kleinen Dorf in der sogenannten Griesen Gegend Mecklenburgs. Hier entdeckte er als 17jähriger beim Tischtennis in der alten Dorfschule ein abgegriffenes Klassenbuch. Darin fand er zunächst Hinweise auf seine Urgroßeltern. Später fiel ihm bei den Eintragungen immer wieder die Bemerkungen "ausgewandert" auf. Geführt wurde das Schuldokument von Gottlieb Gillhoff, der von 1854 bis 1908 das Lehramt in dem Ort inne hatte.
"Ausgewandert" - wer - warum - wohin - wie ? Diese Fragen beschäftigen Udo Baarck bis heute. Wichtige Hinweise enthielt das Buch "Jürnjacob Swehn- der Amerikafahrer", verfasst von Johnannes Gillhoff, Sohn und Nachfolger des Dorfschullehrers. Fasziniert von den authentischen Schilderungen des Romans und angeregt durch die aufschlussreichen Fakten zahlreicher Archivquellen verfolgt Udo Baarck seit Jahren die Spuren der Amerika-Fahrer aus seinem Heimatort. Auf seine Initiative hin wurde am 24. Oktober 1992 in der ehemaligen Glaisiner Dorfschule die "Gillhoffstube" eröffnet. Zahlreiche Quellen, wie Schiffslisten und Auswanderungskonsense, geben hier Auskunft über die ca. 200 Auswanderer, die Mitte des 19. Jahrhunderts Glaisin verließen und ihr Glück in Amerika suchten. Rund 150 Jahre später forschte Udo Baarck in den USA nach Hinweisen auf die Auswanderer und hatte zahlreiche Begegnungen mit deren Nachkommen. Er traf 1998 u.a. Herold Wiedow, den Enkel des Romanhelden von Johannes Gillhiff, "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer".
Seit Jahrzehnten gehört dieses Werk zu den Bestsellern der mecklenburgischen Literatur.
Erstmals wurden die Beschreibungen der Auswanderung 1917 in Fortsetzungen im Romanfeuilleton der Berliner Tageszeitung "Tägliche Rundschau" veröffentlicht. Noch im gleichen Jahr erschien der Roman in selbigem Buchverlag. Dem folgten zahlreiche Übersetzungen und Neuauflagen.
Wer das Buch gelesen hat, wird sich sicher voller Begeisterung an die lebensnahen Schilderungen des Romanhelden Jürnjakob Swehn erinnern, der Mitte des 18. Jahrhunderts die Griese Gegend Mecklenburgs verlassen und mit Erfolg eine eigene Existenz im fernen Amerika aufgebaut hat.
Die beeindruckende Authentizität der Lebensbeschreibungen hat einen simplen aber überaus wirkungsvollen Hintergrund. Der Lesestoff ist zusammengestellt aus den zahlreichen Briefen, die der Tagelöhnersohn Wiedow aus Glaisin bei Eldena seinem Dorfschullehrer Gottlieb Gillhoff in den Wintermonaten von seiner Farm geschrieben hat. Erst Jahre später sollten diese Zeugnisse eines Menschen veröffentlicht werden, der mit seinen Händen ein echter Farmer geworden, in seinem Herzen aber ein Mecklenburger geblieben ist.
Als Nachfolger seines Vaters widmete sich Johannes Gillhoff mit 54 Jahren den zahlreichen Briefen, ordnete sie und fügte sie zu einem lebhaften Roman zusammen: Er ist beispielgebend für viele Mecklenburger jener Zeit, die aus sozialer Bedrängnis den großen Schritt in eine völlig neue Welt "der unbegrenzten Möglichkeiten" wagten.
Gillhoff benannte seine Hauptfigur Jürnjakob "Swehn", weil sein Vater Schweinehirte war. Wiedow alias Swehn diente als Knecht auf dem Hof des Bauern Timmermann am Wege nach Menkendorf. Wie weitere 350 Bewohner aus dem kleinen Ort Glaisin sah auch er keine Zukunft in seiner Heimat und ließ sich von den großartigen Aussichten locken, in Amerika einen eigenen Hof zu bewirtschaften, woran in Mecklenburg, selbst nach der Aufhebung der Leibeigenschaft 1820, kaum zu denken war. So heißt es im Roman: "Als unsere Leute im Dorf das hörten von dem Weizenbrot, Zucker und Sirup, von dem billigen Land und den kleinen Abgaben, da haben sie sich über die Maßen gewundert und gesagt: "Wo kann das blos angehen, daß es so ein Land auf der Welt gibt, und wir wußten nichts davon bis auf diesen Tag. Da heben sie sich auf die Socken gemacht und sind hingereist."
In den Romanaufzeichnungen wird von der Überfahrt und von den ersten wirtschaftlichen Kapriolen berichtet, aber auch vom Arbeits- und Lebensalltag auf der eigenen Farm, von den Sonderbarkeiten der Metropolen und von den Lebensweisheiten, die ihre Wurzeln in Mecklenburg hatten.
Was ist nun aber aus den Glaisiner Auswanderern und ihren Nachkommen geworden? Dieser Frage soll auf besondere Weise in der Sonderausstellung nachgegangen werden. Briefe, Fotos und Berichte aus Iowa und Wisconsin geben darüber Auskunft. Darin verbirgt sich Stoff genug für einen Fortsetzungsroman. Wir übernehmen dies in Form einer Ausstellung. Nicht nur für Mecklenburger ist es ein interessantes Thema zur eigenen Regionalgeschichte, sondern auch für die Amerikaner, im Sinne "back to the Roots".

Gesine Kröhnert


 
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