Vor 100 Jahren, 1907, wurde das erste eigenständige Schweriner Segler-Bootshaus auf der Schwanenhorst eingeweiht …

Traditionsreiche Schweriner Sportart - SegelnDas Segeln als Wettkampfsport wurde nachweislich seit dem 16.Jahrhundert betrieben.

Im Jahr 1588 tauchte im englischen Cowes eine „Lustyacht“ als neuer Bootstyp auf. Auf der Themse von Greenwich nach Gravesand fand 1661 die erste Regatta statt.

Auch die Deutschen zeigten sich vom Segelsport begeistert: Friedrich I. brachte 1705 eine prunkvolle Yacht aus Holland auf der Spree zu Wasser.

Auf der „grünen Insel“, auf Irland schlug die Geburtsstunde des Vereinslebens im Segelsport – mit dem „Cork Harbour Water Club“ entstand dort 1720 der erste Segelverein der Welt.

In Deutschland sollte die erste segelsportliche Vereinsgründung noch „etwas“ dauern: Erst 1835 wurde mit der Stralauer Tavernen-Gesellschaft der erste deutsche Segel-Verein geschaffen. Fünfzehn Jahre später – 1850 – fand dann auf der Hamburger Alster die erste deutsche Segel-Regatta statt.

Aufgrund seiner Seenlandschaft war auch die mecklenburgische Landeshauptstadt Schwerin für die Ausübung des Segelsportes geradezu prädestiniert. Die Anfänge des organisierten Segelsportes in Schwerin liegen vor allem im so genannten Schweriner Regattaverein, der aus dem im Jahre 1883 gegründeten Segel- und Ruderverein hervorging.

Im Anschluß an eine Regatta des Segel- und Rudervereins zu Schwerin im September 1894 machte der begeisterte Segler und Druckereibesitzer Herberger den Vorschlag zur Trennung der Interessengemeinschaft des Ruder- und Seglervereins, da dieser nach seiner Auffassung die Belange der Schweriner Segler nicht ausreichend genug vertrat.

Herberger äußerte seine Meinung am Rande einer Preisverteilung am 1.9.1894 im Schweriner „Casino“. Sofort waren 40 anwesende Segler bereit, dem neu zu gründenden Verein beizutreten.

Bereits am 13.Oktober 1894 kam es zur Gründung des „Schweriner Segler-Vereins“; damit war auch der Segelsport in Schwerin eigenständig organisiert.

Allerdings hatten sowohl der Schweriner Segler-Verein als auch die Schweriner Ruderer noch weiterhin eine gemeinsamen finanziellen Etat, eine gemeinsame finanzielle Führung des Haushaltes. Von den jährlichen Mitgliedsbeiträgen in Höhe von einer Mark wurden 50 Pfennige an den Ruderclub abgeführt. Erst am 14.März 1903 erfolgte dann ebenfalls die endgültige Trennung im finanziellen Bereich.

Zu diesem Zeitpunkt zählte der Schweriner Segler-Verein knapp 100 Mitglieder. Lange Jahre war Großherzog Friedrich-Franz IV. Protektor und Ehrenmitglied des Vereins.

Bemerkenswert ist die Mitgliederentwicklung des Vereines bis 1919. So gehörten dem „SSV“ im Jahr 1910 schon 63 ausübende Mitglieder an, während es im Jahr 1919 sogar 145 aktive Segler waren – und auch die passiven, unterstützenden Mitglieder konnten einen beachtlichen Zuwachs verzeichnen. 160 unterstützende Mitglieder wies der „SSV“ 1910 auf.

Neun Jahre später hatten die Schweriner Segler 213 „Passive“ in ihren Reihen. Besonders beachtlich ist die Tatsache, daß sowohl aktive als auch passive Schweriner Segel-Anhänger aus allen sozialen Schichten stammten, denn im „restlichen“ Deutschland war der Segelsport eher etwas für die „höheren Einkommensklassen“ …

Doch nicht nur bei der Mitgliederwerbung hatten die Schweriner Segler außerordentliche Erfolge. Beim Aufbau einer eigenen Vereinsstruktur, gerade bei der Schaffung entsprechender Bootshäuser, war der Verein äußerst engagiert.

So erfolgte im November 1904 die Gewährung von Bauterrain für Bootshäuser seitens des Großherzogs. In einem Schreiben vom 28.05.1907 wird dazu berichtet, daß die Vorarbeiten zum Bootshausbau fast beendet seien und mit dem Bau bald begonnen werden könne.

Aufgrund der unerwartet hohen Baukosten für die Pfahlrammung und Befestigung des schlechten Untergrundes wurden „unterschiedlich auslotbare“ Anteilscheine an die Mitglieder ausgegeben, um so auch die „Kreditwürdigkeit“ gegenüber den Schweriner Geldinstituten absichern zu können.

Am 6.10.1907 war es dann endlich soweit: Das erste Schweriner Seglerbootshaus auf der „Schwanenhorst“ konnte feierlich eingeweiht werden. Das Gelände wurde übrigens vom Protektor, dem Großherzog, kostenlos zugewiesen.

Auch organisatorisch erwarb der „SSV“ deutschlandweit viel Renomee. Die jährlichen Segel-Regatten, z.B. die sogenannten „Concurrenzen“ bei den Bootstypen „Schwertboot“, „Kielboot“ oder Fischerkahn“, waren stets gut besucht.

Allgemein setzte in „deutschen Landen“ ein reges Vereinsleben im Segelsport ein. Da die Binnensegler im Vergleich zu den Hochsee-Seglern, die im Deutschen Segler-Verband organisiert waren, andere sportliche Interessen hatten, gründeten die Binnen-Segler ihre eigene nationale Interessen-Vertretung.

Auf Initiative und unter Beteiligung des Schweriner Seglers Wiese wurde am 30.3.1912 im Marinehaus Berlin der Deutsche Segler-Bund gegründet. Im gleichen Jahr trat der Schweriner Segler-Verein dem „DSB“ bei und avancierte 1913 mit 100 aktiven und 200 unterstützenden Mitgliedern zum stärksten Verein innerhalb des Deutschen Segler-Bundes.

Sehr großen Anteil an dieser für den „SSV“ erfreulichen Bilanz hatten insbesondere die führenden Vorstandsmitglieder Gust Mecklenburg, Dr. August Piper sowie Robert Valentin.
Der Ausbruch des I.Weltkrieges 1914 hatte auch für die Schweriner Segler negativste Auswirkungen.

Segelsportliche Aktivitäten konnten nicht weiter fortgesetzt werden; einige Schweriner Segler ließen auf den Schlachtfeldern ihr Leben- und nach Beendigung des Krieges sah sich der Großherzog aufgrund der enormen gesellschaftspolitischen Umwälzungen gezwungen, sein Protektorat über den Schweriner Segler-Verein niederzulegen. Der Großherzog blieb aber Ehrenmitglied des „SSV“.

Zweifellos gestalteten sich für den „SSV“ die ersten Nachkriegsjahre in finanzieller wie personeller Hinsicht äußerst schwierig. Erst ab 1923 konnte wieder ein positiver Entwicklungstrend festgestellt werden.

So zählte der Schweriner Segler-Verein im Jahr 1924 172 aktive, 275 unterstützende sowie 2 Ehren-Mitglieder. Auch im sportlich-organisatorischen Bereich erzielten die Schweriner Segel-Anhänger in jenem Jahr einige Erfolge.

Dazu heißt es im „Bericht über die Vereinstätigkeit des Schweriner Segler-Vereins im Geschäftsjahr 1924“:

„ … Das Ansegeln am 18.Mai (1924) sah eine stattliche Flotte von einigen 50 Fahrzeugen unter dem Stander des Vereins. Zur Frühjahrswettfahrt am 15.Juni (1924) hatten 42 Fahrzeuge, von denen 34 in 11 verschiedenen Klassen starteten, gemeldet.

Bemerkenswert ist, dass zum ersten Mal 20 qm Halbrennjollen sich an der Wettfahrt beteiligten. Den Höhepunkt der sportlichen Betätigung stellten die am 26. und 27.Juli (1924) stattgefundenen Bundesfahrten anlässlich der Mecklenburger Woche des Deutschen Segler Bundes dar.

Zu den Wettfahrten hatten 65 Fahrzeuge gemeldet, hierunter zum ersten Mal reine Klassenboote des Deutschen Segler Bundes und zwar waren 15 und 20 qm. Bundesrennjollen, 15 qm. Bundeshalbrennjollen und 20 qm. Bundeswanderjollen vertreten. Leider wurden die beiden Wettfahrten zu ausgesprochenen Flautenregatten.

Dagegen konnte die Herbstsegelwettfahrt am 28.September (1924) sich nicht über fehlenden Wind beklagen, denn es stellte sich geradezu ideales Regattawetter ein. Eine frische West-Süd-West Brise Windstärke 4-5 brachte Tempo und Leben in das Regattabild.

Etwa 40 Boote beteiligten sich an der Regatta. Sportlich am interessantesten verlief das Rennen der 20 qm. Einheitsjollen, wo 10 Boote starteten.

Der 5.September (1924) sah dann nochmals die Flotte des Schweriner Segler Verein(s) auf einer gemeinsamen Ausfahrt. Einige 70 Fahrzeuge veranstalteten bei flotter Brise eine Geschwaderfahrt um beide Inseln zum Bootshaus. Es war ein prachtvolles, jedes Seglerherz erfreuende(s) Bild, als die Boote in genau ausgerichteter Kiellinie dem im reichen Flaggenschmuck prangenden Bootshaus zusteuerten.

Außer diesen gemeinschaftlichen Veranstaltungen fanden manche Gruppenfahrten nach dem Außensee statt. Auch das Wandersegeln wurde (eifrig) gepflegt. 14 Segelfahrzeuge und 3 Motorboote haben weite, ausgedehnte Reisen in fremde Gewässer, in die Müritz und darüber hinaus unternommen.

Der Vorstand (des „SSV“ – Anm.d.V.) ist sich jedoch bewusst, dass eine wirkungsvolle Förderung des Segelsportes jedoch nur durch den, in Schwerin noch sehr im Argen liegenden, Rennsegelsport erreicht werden kann.

Das Bestreben muss dahin gehen, viel mehr als bisher, bei den Mitgliedern auf den Bau von Klassenfahrzeugen zu drängen. Nur dann, wenn die Flotte des Vereins überwiegend aus Klassenbooten besteht, kann der Wettfahrtgedanke erst weiter verfolgt werden. Die Berliner Bundes Vereine sind uns hierin weit voraus, auch die sportliche und seemännische Erziehung und Ausbildung läßt zu wünschen übrig. Hier Wandel zu schaffen, wird eine der vornehmsten Aufgaben des Vorstandes (des „SSV“ – Anm.d.V.) sein …“

Entwaren das neue Bootshaus - die Architekten Brentrup und NehlsAllerdings hatte der „SSV“ im Jahr 1924 erhebliche finanzielle Probleme. So sollte nach Plänen der Architekten Bentrup und Nehls ein neues Bootshaus errichtet werden, da das alte allein schon wegen der relativ geringen Größe nicht mehr den gegebenen Ansprüchen genügte.

Das Bauvorhaben wurde mit einer Geldsumme von 33000 Mark veranschlagt und von der Mitglieder-Versammlung des „SSV“ bewilligt. Wieder – wie schon 1907 – mußten Anteilscheine an die Vereins-Mitglieder ausgegeben werden und erneut mußten auch Bankkredite aufgenommen werden. Am 28.September 1924 konnte das neue Bootshaus eingeweiht werden.

Ein Jahr später – 1925 – wurde die erste Jugendabteilung des „SSV“ gebildet und noch im gleichen Jahr starteten die „SSV“-Segler zu ihrer ersten Fernwettfahrt zur Insel Lieps.
Eine besondere Veranstaltung durfte der „SSV“ 1926 ausrichten – Schwerin lud erstmals zur sogenannten „Bundeswoche der Segler“ ein.

Große sportliche Ambitionen hegte der Schweriner Segler-Verein im Jahr 1926 bereits für das Jahr 1928. Um eine Teilnahme an den Olympiaausscheidungen für die IX.Olympischen Spiele in Amsterdam zu erreichen, sollte eine Spendenliste – aufgerufen waren alle Schwerinerinnen und Schweriner – die Anschaffung einer dafür notwendigen 12-Fuß-Jolle ermöglichen, da diesbezüglich die eigenen finanziellen Mittel erschöpft waren.

Segeln 1925 am PaulsdammZwar konnte sich bei den nationalen olympischen Ausscheidungsfahrten kein Schweriner Segler für Olympia 1928 qualifizieren, aber allein die bis dahin getätigten materiellen wie ideellen Anstrengungen verdienen allerhöchsten Respekt.

Ein Novum bot der Yachtkonstrukteur Reinhard Drewitz in den zwanziger Jahre den segelbegeisterten Schwerinern. Er entwarf die „Schweriner Einheitsjolle“, ein gaffelgetakeltes Klinkerboot mit dem Segelzeichen V.

Dank des tatkräftigen Engagements der Vereinsvorsitzenden Kaufmann Mohr und Telefon-Inspekteur Windelberg erwarb der „SSV“ 1927/28 die ersten 12-Fuß-Dinghis für die Jugendabteilung, so daß diese mit ihren Altersgenossen aus anderen deutschen Segler-Vereinen konkurrieren konnten.

In den Jahren 1928 bis 1932 nahmen die Segler des „SSV“ an zahlreichen auswärtigen Regatten, mit teilweise guten Resultaten, teil. Die immer fast „perfekt“ organisierten „SSV-Frühjahrswettfahrten“ im Mai bzw. „SSSV-Herbstwettfahrten“ im September „glänzten“ stets mit ausgezeichneten Teilnehmerzahlen …

Doch trotz aller sportlicher Aktivitäten vergaßen die Schweriner Seglerinnen und Segler auch das Feiern nicht. Gesellschafts- und Herrenabende wurden ebenso veranstaltet wie die traditionsreichen Segler-Maskenbälle.

Die Schweriner SegeltageAuf dem Pfaffenteich am 3.10.07Der Schweriner Segler-Verein von 1894 war sowohl in sportlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine Schweriner Erfolgsgeschichte – gerade auch in den ersten knapp 40 Jahren seines Bestehens.

Marko Michels (aus: Michels „Die Geschichte des Schweriner Sportes vom 19.Jahrhundert bis 1933“, Stadtsportbund Schwerin, 2000, Manuskript)

Aufnahmen: Landeshauptarchiv Schwerin (3), Schwerin-News (1), M.M. (1)